Alfred Müller-Armack (1901-1978): Namensgeber der Sozialen Marktwirtschaft und überzeugter Europäer

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Alfred Müller-Armack wuchs in Essen und in Weilburg an der Lahn auf. Sein Vater war bei Krupp als Betriebsführer beschäftigt. Den Geburtsnamen seiner Mutter Elise Dorothee fügte er in den 1920er Jahren seinem Familiennamen zu.

Alfred Müller-Armack studierte Nationalökonomie in Gießen und Freiburg (Breisgau), in München und Köln. An seinem letzten Studienort promovierte er bei Leopold von Wiese mit einer Arbeit zur theoretischen Sozialökonomie im Jahr 1923. Drei Jahre später habilitierte Müller-Armack sich zur ökonomischen Theorie der Kulturpolitik. Er verband seit den 1920er Jahren Gedanken der Wirtschaftswissenschaften mit der Soziologie, den Kulturwissenschaften und der praktischen Politik. Im Jahr 1934 wurde Alfred Müller-Armack zum Professor ernannt. Ins westfälische Münster wechselte er 1940, um dort u.a. an der Universität ein Institut der angewandten Forschung zu etablieren. Jenes Institut für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften besteht an der Universität Münster bis heute. Für Müller-Armack war ökonomisches Handeln nicht reines Erwerbsstreben, sondern ebenfalls Ausdruck und Konsequenz von Wertüberzeugungen von Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt. So ging er der Frage nach, welchen Einfluss Geschichte, Religion und Ethik auf eine Wirtschaftsordnung nimmt.

Unverständlich und irritierend für unsere heutige Zeit war sein Eintritt in die NSDAP im Mai 1933. Dieser Eintritt verband sich wohl mit der trügerischen Hoffnung, ein starker Staat könne eine neue wirtschaftliche Ordnung in seinem Sinne etablieren. Der Weimarer Republik war es nicht gelungen, eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik zu realisieren, weil ihr die Mittel zur Durchsetzung fehlten.

Mit zunehmender Dauer des 2. Weltkrieges rechnete Müller-Armack nicht mit einem militärischen Sieg des Deutschen Reiches. In Kreisen von Wirtschaftsleuten wurde bereits die Zeit nach dem Nationalismus diskutiert. In diesen internen Gesprächskreisen lernte er Ludwig Erhard kennen, mit dem sich eine lange erfolgreiche Zusammenarbeit ergeben sollte. Müller-Armack unterstützte die Überlegungen Erhards für eine neue Wirtschaftsordnung nach dem Krieg.

Nach 1945 und Kriegsende wurde Müller-Armack CDU-Mitglied und legte mit dem Buch „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft (1946/47) sein Konzept eines neuen Wirtschaftsmodells vor. In diesem Werk entwickelte er den Begriff und die Idee der Sozialen Marktwirtschaft. Nach einer Tätigkeit als Hochschullehrer in Köln wurde er ab 1952 einer der engsten Mitarbeiter Ludwig Erhards im Bundesministerium für Wirtschaft. So wurde Alfred Müller-Armack ab 1952 Leiter der Grundsatzabteilung im Bundeswirtschaftsministerium. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft im Sinne Erhards entwickelte er weiter und bestimmte die praktische Wirtschaftspolitik mit.

Wirtschaftspolitik hatte für ihn immer eine soziale Dimension, welche er in die Gesetzgebung einbrachte. Von 1958-63 war er als beamteter Staatssekretär mit der Verantwortung für Europäische Angelegenheiten betraut worden. In Fragen der Europapolitik war er in einem starken Maße an der Ausarbeitung der Römischen Verträge beteiligt, welche die Grundlage für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) begründeten. Früher als die Ökonomen seiner Zeit trat Müller-Armack für eine europäische Freihandelszone ein. Da ihn mit Ludwig Erhard ein besonderes Vertrauensverhältnis verband, besaß Müller-Armack in europäischen Fragen einen großen Gestaltungsspielraum. Durch einen sogenannten „Müller-Armack-Plan“ sollte eine europäische Zollunion ins Leben gerufen werden. Enttäuscht über das Scheitern der Beitrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich zur EWG zog sich Müller-Armack aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und der aktiven Politik zurück.

Stattdessen engagierte er sich in der Konrad-Adenauer- und Ludwig-Erhard-Stiftung. In den letzten Jahren seines Lebens widmete er sich wieder verstärkt seinen wissenschaftlichen Studien und Arbeiten. Mit seinen Vorträgen und Aufsätzen nahm er Einfluss auf Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Alfred Müller-Armack sah die Soziale Marktwirtschaft als Dritten Weg zwischen Kapitalismus und sozialistischer Planwirtschaft. Sein Grundanliegen blieb es, in einer solidarischen Gesellschaft der Sozialen Marktwirtschaft eine sozialethische Grundlage zu geben.

 

„Das Stilprinzip der Sozialen Marktwirtschaft (ist) einer permanenten Abwandlung zugänglich (…) Ich erinnere an die Sparförderung, an die weiterzuführenden Ansätze der Vermögenspolitik, an die dynamische Rentenformel, an das Betriebsverfassungsgesetz und alles was sich daran anschloss.“ Alfred Müller-Armack: Die Grundformel der Sozialen Marktwirtschaft. In: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Symposion I, Soziale Marktwirtschaft als nationale und internationale Ordnung, Bonn 1978, S. 13

 

Literaturhinweise:

Daniel Dietzfelbinger: Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil. Alfred Müller-Armacks Lebenswerk, Gütersloh 1998

Andreas Müller-Armack: Müller-Armack, Alfred. In: Neue Deutsche Biografie (NDB). Bd. 18, Berlin 1997, S. 487 f.