Eugen Gerstenmaier (1906-1986): Christ sein in Diktatur und Demokratie

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Bildnachweis: Deutscher Bundestag Presse-Service Steponaitis

Eugen Gerstenmaier wuchs auf der Schwäbischen Alb in Kirchheim/ Teck auf. Er wurde geprägt durch eine starke Bibelfrömmigkeit und ein national-konservatives Elternhaus. Die ihm als junger Mensch vermittelten Werte prägten sein späteres Leben, insbesondere Pflichtbewusstsein und Selbstdisziplin. Gerstenmaiers Eltern waren nicht begütert und konnten ihrem Sohn keine gymnasiale Ausbildung ermöglichen. So absolvierte er zunächst eine Lehre in einem Kirchheimer Textilunternehmen. Nur durch ein Stipendium seiner Landeskirche konnte er dennoch die Hochschulreife erwerben und ein Studium in Tübingen beginnen. So studierte Gerstenmaier neben Evangelischer Theologie Germanistik und Philosophie. Das Ende seines Studiums in Rostock fiel mit dem Ende der Weimarer Republik zusammen und es deutete sich die Machtübernahme Hitlers und der Nationalsozialisten an. Gerstenmaier stellte sich auf die Seite der Bekennenden Kirche und gegen die Deutschen Christen, die ein Führerprinzip in der Evangelischen Kirche durchsetzen wollten. Mit seiner Rücktrittsforderung an den Reichsbischof Müller, der der NSDAP nahestand, fiel er als „politisch unzuverlässig“ auf. Trotz nachgewiesener akademischer Eignung, so promovierte und habilitierte er sich, wurde ihm eine wissenschaftliche Laufbahn verwehrt. Als berufliche Alternative blieb Gerstenmaier im Außenamt der Evangelischen Kirche in Berlin. In dieser Dienststelle besaß er genügend Freiräume, ökumenische und außenpolitische Kontakte zu pflegen. Der junge Gerstenmaier war fest davon überzeugt, dass das NS-Regime einen Unrechtscharakter trägt. Aus dieser Überzeugung heraus suchte er Kontakt zum Widerstand gegen Hitler und kam ins Umfeld des Kreisauer Kreises. Im Zuge des 20. Juli 1944 wurde Gerstenmaier verhaftet und zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Durch die US-Armee wurde er 1945 aus seiner Haft befreit.

Gerstenmaier kehrte in den Kirchlichen Dienst zurück und leitete schließlich das Evangelische Hilfswerk, welches sich um die notleidende Bevölkerung kümmerte. Vor allem engagierte sich Gerstenmaier für Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Darüber hinaus war er publizistisch bei „Christ und Welt“ tätig, einer Wochenzeitung, welche insbesondere eine starke evangelische Leserschaft hatte.

Im Jahr 1949 entschloss sich Gerstenmaier, im Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Hall für den Deutschen Bundestag zu kandidieren. Nach dem Einzug ins Parlament konzentrierte er sich als Abgeordneter auf die Außenpolitik und unterstützte weitgehend den Kurs Konrad Adenauers der Westbindung und Absage an Kommunismus und Neutralität. Nach dem überraschenden Tod Hermann Ehlers‘ wurde Gerstenmaier mit knapper Mehrheit als Präsident des Bundestages gewählt. Zunächst nicht unumstritten, gelang es ihm, Anerkennung für seine Amtsführung zu gewinnen. In seiner 15-jährigen Amtszeit verschaffte er dem Bundestag weitere Reputation und verbesserte die Arbeitsfähigkeit des Parlaments und seiner Abgeordneten. Mit seinem Namen ist der Neubau des Abgeordneten-Hochhauses, volkstümlich als „Langer Eugen“ bezeichnet, verbunden.

Durch eine Entschädigungszahlung für die ihm verwehrte wissenschaftliche Karriere verspielte Gerstenmaier seinen Kredit in Fraktion und Parlament sowie in der breiten Bevölkerung. Die hohe Entschädigungszahlung erweckte den Anschein, als sei er selbst herausgehobener Nutznießer des Wiedergutmachungsgesetzes für Angehörige des Öffentlichen Dienstes. Obwohl er den Entschädigungsbetrag spendete, war er nicht mehr im Amt zu halten. Enttäuscht zog sich Gerstenmaier im Jahr 1969 aus der politischen Öffentlichkeit zurück. In seinem letzten Lebensabschnitt fungierte er als Vorsitzender der Vereinigung der ehemaligen Parlamentarier und gründete die Afrika Stiftung mit. Kurz vor seinem 80. Geburtstag starb Gerstenmaier am 13. März 1986 in Oberwinter bei Remagen.

 

Literaturhinweis:

Thomas Sauer: Eugen Gerstenmaier (1906-1986). In: Torsten Oppelland (Hrsg.): Deutsche Politiker 1949-1969, Bd. 2, Darmstadt 1999, S. 30-40