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Israel: Eine Gesellschaft im rasanten Wandel mit vielen Widersprüchen

Eindrücke einer Studienreise

Israel verzeichnet ein hohes Wirtschaftswachstum bei einer niedrigen Arbeitslosenquote von 6,9 %. Als rohstoffarmes Land ist Israels Humankapital Katalysator für wirtschaftliches Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Der Schekel (NIS) ist stabil. Die Inflationsrate beträgt nur 1,3 %. Vom Bruttosozialprodukt (BSP) gesehen wird Israel schwächelnde EU-Mitgliedsländer, wie Griechenland, Spanien oder Portugal bald überrundet haben. So Grisha Alroi-Arlosr, Geschäftsführer der Deutsch-israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv. Für diese positive Entwicklung stehen ganz augenfällig entlang der Autobahn zwischen Tel Aviv und Jerusalem viele neu angelegte Gewerbegebiete, in denen sich auch verschiedene deutsche Unternehmen angesiedelt haben. Ein Schwerpunkt in der industriellen Entwicklung Israels findet sich in der Informations- und Kommunikationsbranche: Zur Zeit arbeiten 7 Prozent der Gesamtbeschäftigtenzahl in dieser Branche. Dies übertrifft deutlich den OECD-Durchschnitt.
Um in einigen Bereichen, insbesondere in der Landwirtschaft und in der Dienstleistungsbranche (Pflegekräfte), den Mangel an Arbeitskräften decken zu können, hat Israel sogar Gastarbeiter aus Afrika und Asien angeworben, um seinen Bedarf decken zu können.
Im Vergleich zu den arabischen Staaten im Nahen Osten, geht es den Einwohnern relativ gut, allerdings nicht so, dass die Israelis „große finanzielle Sprünge machen könnten“. Die israelischen Familien benötigen zwei Verdienste, um von dem Pro-Kopf-Bruttoeinkommen von umgerechnet 1.800 Euro leben zu können.
Ein dynamisches Wirtschaftswachstum wirft jedoch auch Schattenseiten auf. Wer in Tel Aviv die prachtvolle Promenade am Mittelmeer verlässt und sich in Viertel jenseits vom touristischen Trubel begibt, findet abseits des Rothschild-Boulevards, vor allem am neuen Busbahnhof, Armut und Elend, Berge von Müll und eine Drogenproblematik, insbesondere unter Zuwanderern aus Afrika mit westeuropäischen Dimensionen. Eine andere Sicht auf das Aufsteigerland.
Die russischen Zuwanderer, etwa 1 Mio. in den letzten 10 Jahren, konnten sich weitgehend aufgrund ihrer guten beruflichen Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt in Israel etablieren. Zuwanderern aus Entwicklungsstaaten ist dies nicht unbedingt gelungen. Für sie besteht ein Armutsrisiko in Israel.
Mitte der 80er Jahre spielte die Gemeinwirtschaft noch eine bedeutende Rolle. Nach und nach nahm ihr Anteil ab. Verschiedene Kibbuzim wurden „privatisiert“ und umgewidmet, bspw. in ein Ferienzentrum am See Genezareth. Dieser Trend entspricht den heute modernen Strukturen einer freien Marktwirtschaft, die jedoch durch verschiedene Staatsmonopole in den Bereichen Energie und Wasser sowie Bodenverteilung reglementiert wird.
Der Autor des Artikels nahm vom 16.-25. Oktober 2012 im Rahmen einer Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) teil mit den Zielen Tel Aviv, die Region um den See Genezareth sowie Jerusalem. So konnte sich der Autor aus erster Hand ein Bild über die Gesellschaft und den rasanten Wandel machen und dabei auch die Rolle der israelischen Armee (Israel Defense Forces) unter die Lupe nehmen. Der jüdische Staat im Nahen Osten unterhält eine der modernsten Armeen der Welt. Insbesondere die Luftwaffe ist in der Lage entfernte Ziele wie im Sudan oder im Iran anzugreifen. Die Armee (IDF) genießt in der Bevölkerung hohe Akzeptanz und Ansehen. Ihr kommt auch die Rolle einer „Integrationsagentur“ zu, d. h. säkulare und orthodoxe Juden, alteingesessene und Neu-Israelis treffen in der Armee aufeinander und müssen sich zusammenraufen. Der Wehrdienst ist hart und fordernd. Für Männer sind es drei Jahre, für Frauen zwei Jahre Dienst. Israel muss hohe Verteidigungslasten schultern, die der Staat nur durch massive Militärunterstützung aus den USA aufbringen kann. Die Regierung unter dem Ministerpräsidenten Netanjahu setzt wie seine Vorgänger auf militärische Stärke, um einen bewaffneten Frieden im Nahen Osten zu erzwingen. Heftig wird zur Zeit erneut diskutiert, ob nicht ultra-orthodoxe Dienste für den israelischen Staat leisten müssen. Thora- und Talmudschüler genießen in Israel verschiedene Privilegien finanzieller Art, die dem Staat und Gesellschaft hohe finanzielle Lasten aufbürden. Angehörige ultra-orthodoxer Gemeinschaften erhalten vom Staat eine Grundsicherung und sind bislang von der Wehrpflicht ausgenommen. Selbst die Mitte-/Rechtsregierung unter Ministerpräsident Netanjahu plante ein Gesetz wonach über 60 Jahren Existenz des Staates Israels erstmalig ultra-orthodoxe Juden zum Wehrdienst zu verpflichten sind. Diese Planungen liegen jedoch auf Eis, weil nach Problemen in der Mitte-Rechts-Koalition Neuwahlen für den 22. Januar 2013 geplant sind.
Israel ist ein Land im wirtschaftlichen Aufwind mit gleichzeitig vielen gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen. Insbesondere die Frage nach der eigenen Identität ist noch immer nicht geklärt. Eine Verfassung besitzt der Staat Israel nicht. Viele Fragen wie das Verhältnis Staat und Religion sind unbeantwortet. Staat und Religion sind nicht getrennt. Eine säkulare Eheschließung ist nicht möglich, sondern nur über das zuständige Rabbinat.
Ungeklärt und in diesem Artikel nur am Rande thematisiert sind die weiterhin offene Fragen um einen Palästinenser Staat in der Westbank und im Gaza-Streifen. Der Friedensprozess mit den arabischen Nachbarn stockt, weil sowohl Syrien als auch der Libanon mit schweren innenpolitischen Verwerfungen zu kämpfen haben. Völlig offen ist wie sich Syrien nach dem Bürgerkrieg entwickeln wird. Dies wird in Israel mit Sorge beobachtet, dass aus dem arabischen Frühling sich eine Eiszeit für Israel entwickeln könnte.
Israel ist ein faszinierendes Land mit Naturschönheiten und bedeutenden religiösen Stätten wie in Jerusalem mit der Grabeskirche, der Klagemauer und dem Tempelberg. Zu Recht ist Israel ein wichtiges Thema politischer Bildung, um Fragen des Dialogs zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen auf die Spur zu kommen. Wie tatsächlich eine Aussöhnung zwischen Israelis und arabischen Palästinensern geschehen kann, liegt auch in der Verantwortung von Europäern. Die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten haben hierzu ihren Beitrag zu leisten.
Die Stiftung Christlich-Soziale Politik e. V. möchte im Jahr 2013 das Thema „Israel und der Nahe Osten“ in verschiedenen Seminaren aufgreifen. Bereits jetzt schon steht ein Seminar vom 04.-06. Dezember 2013 zur Stadt Jerusalem fest. Falls Sie an weiteren Themen interessiert sind, schreiben Sie mir bitte. Gerne setzte ich Ihre Vorschläge in ein weiteres Seminar um.
Karsten Matthis
Geschäftsführer der Stiftung CSP
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