Nachricht

Veranstaltung Vertrauen zurückgewinnen – Politische Tugend und freiheitliche Demokratie

Vertrauen ist kein Wahlversprechen

Tagung im AZK diskutierte politische Tugenden und Wege zu neuer Glaubwürdigkeit in der Demokratie

KÖNIGSWINTER. Wie kann die politische Mitte verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen? Welche Rolle spielen politische Tugenden in einer Zeit wachsender Polarisierung? Und was macht glaubwürdige Politik überhaupt aus? Diesen Fragen widmete sich die zweitägige Tagung „Vertrauen zurückgewinnen – Politische Tugenden und freiheitliche Demokratie“ Ende Mai im Arbeitnehmer-Zentrum Königswinter (AZK).

Rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft, Kirche, Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft folgten der Einladung. Das Publikum war bewusst breit gefächert und spiegelte damit die gesellschaftliche Vielfalt wider, die für eine lebendige Demokratie unverzichtbar ist. Begleitet von sommerlichem Wetter und einer offenen Diskussionsatmosphäre entwickelte sich die Veranstaltung zu einem intensiven Forum des Austauschs.

Bereits in ihrer Begrüßung machten die Tagungsleiter Prof. Dr. Peter Schallenberg und Prof. Dr. Dr. Elmar Nass deutlich, dass die freiheitliche Demokratie nicht nur von Institutionen, sondern auch von Vertrauen lebt. Dieses Vertrauen sei jedoch vielerorts brüchig geworden.

Den Auftakt gestalteten Prof. Dr. Stefanie Scholz von der Hochschule Ansbach und Alexander Prill von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Während Scholz die Chancen und Risiken sozialer Medien für die politische Kommunikation analysierte, beleuchtete Prill die demokratietheoretischen Hintergründe des verbreiteten Misstrauens gegenüber sogenannten Funktionseliten. Beide Vorträge machten deutlich, dass politische Glaubwürdigkeit heute unter völlig anderen Bedingungen entstehen muss als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Anschließend richtete Dr. Richard Ottinger, Direktor des Katholisch-Sozialen Instituts, den Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Rolle von Religion in Deutschland. Er zeigte auf, dass Religionsgemeinschaften weiterhin wichtige Brückenbauer in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft sein können.

Ein besonderer Höhepunkt war die digitale Zuschaltung von Elmar Theveßen, Leiter des ZDF-Studios in Washington. Mit Blick auf die politischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten zeichnete er ein differenziertes Bild der Herausforderungen, vor denen westliche Demokratien derzeit stehen. Etwas zeitversetzt analysierte der Bremer Politikwissenschaftler PD Dr. Stefan Luft die Ursachen der Vertrauenskrise in Deutschland und warnte vor einer wachsenden Entfremdung zwischen politischen Institutionen und Teilen der Bevölkerung.

Der zweite Tag widmete sich verstärkt den normativen Grundlagen demokratischer Politik. Von Aristoteles bis Thomas von Aquin spannte sich der Bogen der Überlegungen zu politischen Tugenden. Dr. Sebastian Wolter von der Kölner Hochschule für Katholische Theologie stellte die provokante Frage, ob ein zugleich ehrlicher und erfolgreicher Politiker überhaupt möglich sei. Seine Überlegungen zum Verhältnis von Gewissen, Verantwortung und politischer Praxis lösten eine lebhafte Diskussion aus.

Praxisnah wurde es anschließend mit Marc Speicher, Oberbürgermeister von Saarlouis und Mitglied des CDU-Bundesvorstandes. Aus der Perspektive kommunaler Verantwortung schilderte er die Herausforderungen politischer Glaubwürdigkeit in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und wachsender Erwartungen an staatliches Handeln. Gerade auf kommunaler Ebene, so wurde deutlich, entscheidet sich oft, ob Bürgerinnen und Bürger Vertrauen in Politik entwickeln oder verlieren.

Zu den prominentesten Gästen der Tagung gehörte außerdem Elisabeth Winkelmeier-Becker MdB. Die Bundestagsabgeordnete setzte sich mit der Frage auseinander, wann das Abweichen von Wahlversprechen politisch legitim sein kann und wo die Grenze zur Unglaubwürdigkeit verläuft. Weitere wichtige Impulse lieferten Prof. Dr. Gregor Thüsing von der Universität Bonn sowie Dr. Marco Bonacker vom Bistum Fulda, die sich mit Werteorientierung und politischer Kommunikation als Voraussetzungen glaubwürdigen Handelns beschäftigten.

Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion mit Christine Böckmann, Elisabeth Winkelmeier-Becker, Marc Speicher und Gregor Thüsing. Dabei wurde deutlich, dass die Wiedergewinnung von Vertrauen weder durch bessere Öffentlichkeitsarbeit noch durch politische Strategien allein gelingen kann. Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo politische Verantwortung nachvollziehbar übernommen, Entscheidungen transparent erklärt und Werte erkennbar gelebt werden.

Die Resonanz der Teilnehmer fiel durchweg positiv aus. Viele hoben die hohe fachliche Qualität der Vorträge, die Offenheit der Debatten und die ungewöhnlich konstruktive Gesprächskultur hervor. Gerade die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse, politischer Praxis und ethischer Reflexion machte den besonderen Charakter der Tagung aus.

So endeten zwei intensive Tage in Königswinter mit einer Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch alle Diskussionen zog: Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es muss immer wieder neu verdient werden.

Igor Tadic, Mag. theol.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Kölner Hochschule

 

 

Anmeldung zu unserem Newsletter