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Ein Land ohne Plan B – Albanien auf dem Weg nach Europa?

Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

In Albanien erzählt man sich eine Legende: Lange Jahre nach Erschaffung der Welt stieg Gott vom Himmel herab, um zu sehen, was die Menschen mit der Schöpfung anstellen.  Gott besuchte viele Länder und betrachtete sich die Veränderungen auf der Erde. Ganz zum Schluss kam Gott nach Albanien und freute sich: „Hier ist alles noch so, wie ich die Welt einst erschaffen habe“, sprach er.
Tatsächlich hat sich der Balkanstaat seine Ursprünglichkeit bewahrt: Albanien ist ein Land voller landschaftlicher Schönheiten und  in manchen Regionen so unberührt, wie es die Legende erzählt: Die albanischen Alpen, Flüsse, Seen und Täler sowie ein herrlicher Küstenstreifen machen den Reiz des kleinen Landes aus, welches etwa so groß wie Brandenburg ist. Viele Gegenden sind kaum erschlossen und die ca. 3,2 Mio. Einwohner wohnen zumeist in den Städten. Das Land hat insbesondere in Hauptstadt ein jugendliches Gesicht, denn das durchschnittliche Alter der Bevölkerung liegt bei nur 31 Jahren.
Der Stalinismus brachte Unterdrückung und Armut
Die Gründe für die vielfältigen Probleme des Landes liegen weithin in der Vergangenheit. Der Stalinismus unter Enver Hoxha (1908-1985) hat das Land – so paradox es klingen mag – weithin in seiner Ursprünglichkeit belassen und damit aber in eine tiefe Rückständigkeit und Armut gestürzt.
Albanien gehört heute zu den ärmsten Ländern Europas. Archaische Strukturen hat der Kommunismus konserviert und Familienclans in ihrer Macht gefestigt. Die Narben dieser Zeit des Stalinismus, der über 45 Jahre währte, sind noch immer nicht verheilt. Weiterhin warten Opfer der roten Diktatur auf eine angemessene Entschädigung und Wiedergutmachung für Haftzeiten in Gefängnissen und Jahren in Arbeitslagern. Experten gehen von 5.700 Todesurteilen und 48.000 Verbannungen aus, die verhängt wurden, um Oppositionelle zum Schweigen zu bringen. Da die Akten in der Zeit des Stalinismus noch immer nicht geöffnet wurden, sind nur vorsichtige Schätzungen über das geschehene Unrecht möglich. Neben brutaler Unterdrückung hatten die Menschen unter einer Isolierung zu leiden, denn in der Endphase des Regimes war das Land völlig abgeschottet und hatte auch zu den ehemaligen sozialistischen Brudervölkern wie der Sowjetunion und China jegliche Kontakte abgebrochen. Heute gelten die Jahre des Kommunismus als verlorene Zeit, die wieder aufgeholt werden muss.
Langsam wachsender Lebensstandard

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist aktuell in den Städten gut, hingegen sind die ländlichen Regionen weniger gut versorgt. Hunger wie in den früheren Zeiten müssen Menschen mit durchschnittlichen Einkommen nicht leiden. Die Arbeitslosigkeit liegt bei aktuell 17% und Experten vermuten, dass fast 20% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Ein durchschnittliches Monatsgehalt liegt umgerechnet zwischen 200 und 300 EUR. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 3.500 EUR. Der Ministerpräsident erhält eine bescheidene Vergütung von 1.500 EUR. Die Armut  begünstigt Kriminalität im Land, Armut und Kriminalität bleiben größten innenpolitischen Herausforderungen der Regierung unter Premier Edi Rama, dem früheren Bürgermeister von Tirana, der seit 2013 im Amt ist. Der Sozialist Rama konnte die Demokratische Partei im September des letzten Jahres ablösen.   

Gewaltiger Aufholbedarf in Sachen Infrastruktur
Im Land zeigt sich in Sachen Infrastruktur ein gewaltiger Aufholbedarf. Es fehlen moderne Straßen und ein funktionierender Personennahverkehr. Die rasch wachsende Hauptstadt Tirana mit weit über 600.000 Einwohnern verfügt über keine Straßenbahn, geschweige denn über eine S-Bahn. Die nur wenigen Eisenbahnverbindungen haben keine Anbindung an die benachbarten Länder wie Griechenland oder Montenegro. Das gesamte Streckennetz besteht nur aus 339 Eisenbahn- Kilometern. Jene schlechte Infrastruktur ist die hauptsächliche Ursache für ein geringes Interesse fremder Investoren, sich in dem kleinen Balkanland zu engagieren.
Trotz vielfältiger Probleme ist nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in anderen Städten wie Durres, Lezha oder Shkodra Aufbruchsstimmung  zu verspüren. Handwerksbetriebe und kleine Dienstleistungsunternehmen sind das Rückgrat der albanischen Wirtschaft (ca. 67%) und prägen mit vielen kleinen Läden und Betrieben ganze Viertel in den Städten. Die Landwirtschaft Albaniens (17, 5%) könnte auf dem europäischen Markt Absatzchancen mit Bioprodukten wie Salbei und Maronen haben, wenn die EU hierfür ihre Pforten öffnet. Wichtigster Handelspartner ist traditionell Italien. Rd. 51% der Exporte gehen in das Nachbarland. Griechenland, die Türkei, Österreich und Deutschland folgen mit einigem Abstand.
Der Tourismus könnte eine sprudelnde Einnahmequelle sein, wenn die Gegebenheiten dafür beständen. Neben unzureichenden Verkehrsverbindungen müsste eine entsprechende Infrastruktur von Hotels und Reiserouten geschaffen werden, die jedoch nur ansatzweise existiert. Auch hierfür fehlen Investoren, die dem Land unter die Arme greifen könnten.
Viele Probleme hat das Land Schritt für Schritt in den Griff bekommen. So ist die Energieversorgung durch Wasserkraftwerke stabilisiert worden, und es bestehen Pläne für weitere Wasserkraftwerke. Das Land bietet seinen Bodenschätzen wie Öl, Gas und Erze viele Chancen. So verfügt Albanien über 5 Prozent der Weltreserven von Chromerz.  Der Balkanstaat könnte das Land Exporteur von Energie und Bodenschätzen werden.
Reformtempo vielen Albanern zu langsam
Viele politische und wirtschaftliche Fortschritte sind im Land deutlich sichtbar und für die Menschen erlebbar. Die Meinungsfreiheit ist gewährleistet. Eine vielfältige Medienlandschaft sorgt für Pluralismus. Neben 26 Tageszeitungen konkurrieren öffentliche und private Fernsehsender um die Gunst der Bevölkerung.
Vieles im Land entwickelt sich dynamisch, jedoch chaotisch und ohne Regeln. Der Straßenverkehr in der Hauptstadt Tirana sei Spiegelbild für die Entwicklung im Lande. Rücksicht und Anstand blieben oft auf der Strecke, so beklagt der Direktor des albanischen Medieninstitut Remzi Lani.
Fehlende Gesetze und Durchführungsbestimmungen schaffen viele Irritationen im Land und die Rechtsunsicherheit lähmt wirtschaftliches Wachstum. Zum einen gefährdet ein unkontrolliertes Bauen die landwirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Regionen. Zum anderen blockieren ungeklärte Eigentumsverhältnisse in den Städten den Wohnungsbau oder Industrieansiedlungen.
Ein nur langsam steigender Lebensstandard und ein geringes Reformtempo schafft Unzufriedenheit in der breiten Bevölkerung. Viele Jugendliche streben nach Westeuropa oder in die USA, weil sie der Politik und den staatlichen Institutionen nicht vertrauen. Zahlreiche Gesprächspartner im Rahmen einer Studienfahrt der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) berichteten offen, dass ihre Kinder ihre Zukunft eher in Westeuropa oder in den USA sehen. Die Bundesrepublik Deutschland genießt viel Sympathie und ist für Jugendliche ein mögliches Ziel für den Aufbau einer neuen Existenz.

Der Aufbau einer unabhängigen, rechtsstaatlichen und bürgerfreundlichen Justiz dauert nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Albanien noch immer an.  Nach den Kopenhagener Kriterien hat das Land nachzuweisen, dass die albanische Justiz Grundrechte schützt und rechtsstaatliche Regeln einhält. Die Einrichtung eines Ombudsmannes, „Anwalt des Volkes“ genannt, soll über die Justiz wachen, steht jedoch weitgehend noch am Anfang. Die Kritik an der Justiz im Land ist laut und ihr wird Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft vorgeworfen. Für viele Albaner sind die von der Justiz verursachten Rechtsverstöße und Versäumnisse ein entscheidendes Hindernis für mehr Gerechtigkeit und mehr Wohlstand.
Mit aller Macht in die EU
Trotz vieler Hürden strebt das Land die rasche Aufnahme in die Europäische Union an und hat mit großer Erleichterung Ende Juni 2014 registriert, dass die Europäische Union Albanien den Kandidatenstatus zur Aufnahme eingeräumt hat.
Dies wurde deshalb von der übergroßen Mehrheit der Albaner zustimmend zur Kenntnis genommen, weil das Land über keinen Plan B verfügt. Alle Überlegungen – so übereinstimmend  Politiker der rivalisierenden Demokraten und Sozialisten – laufen auf einen Eintritt in die Europäische Union hinaus. Viele Gesprächspartner gaben an, das Land hätte gar keine andere Alternative.
Ein neues Bündnis mit Russland käme nicht in Frage, zumal die russische Föderation kein Interesse an dem Land habe und sich wirtschaftlich dort nicht engagiere. Ohnehin sei die Russische Föderation kein Vorbild in Sachen Demokratie und bürgerlicher Freiheiten. Bliebe neben der EU nur noch die islamische Alternative. Die Türkei und arabische Staaten bauen viele Moscheen im Land und hoffen Gläubige zu gewinnen. Jedoch scheint eine große Mehrheit der Bevölkerung einen islamistischen Weg nicht gehen zu wollen. Vielmehr mündet der Weg eindeutig in die Europäische Union. Mehrheitlich fühlt sich die Bevölkerung als Europäer und sieht seinen Platz neben Kroatien und anderen Balkanstaaten in Brüssel und Straßburg.
Albanien ist mit seiner Armee seit 2009 NATO-Mitglied und beteiligt sich an friedenserhaltenden Maßnahmen in Afghanistan, Bosnien und Tschad. Das Land gehört der OSZE, dem IWF und dem Europarat an. Ausdruck dafür: Albanien strebt nach Europa.
Albanien sieht sich als westliches Land und legt größten Wert auf gute Beziehungen zu den USA. Diese europafreundlichen Positionen unterstützt der angesehene Schriftsteller Ismael Kadare, der die Überzeugung vertritt, dass Albanien eine westliche Nation sei, deren geistig-kulturelle Basis das Christentum ist. Den Islam sieht der konfessionslose Literat als eine den Albanern aufgedrängte Religion aus der osmanischen Zeit an. Sein Plädoyer für Europa fand große Zustimmung, die Bewertung des Islams hingegen nicht. Viele albanische Gesprächspartner sehen den Islam nicht als einen Stolperstein auf dem Weg nach Europa. Im Gegenteil: Das Land sei vorbildlich für seine religiöse Toleranz und akzeptierte Vielfalt. Die islamische Gemeinschaft will erklärtermaßen ein fester Bestandteil Europas sein. Einen islamistischen Weg schloss der Vorsitzende Skender Brucaj der muslimischen Gemeinde Albaniens nachdrücklich aus. Islam und Vielfalt, muslimische Religiosität und Demokratie sieht er nicht als Gegensätze.

Religionsfreiheit ist gewährleistet
Die Religionsfreiheit ist in Albanien wieder gewährleistet. Nach dem totalen Religionsverbot des Diktators Enver Hoxha aus dem Jahre 1967 können Muslime, orthodoxe und katholische Christen seit 1992 ihren Glauben wieder frei leben. Die kleine jüdische Gemeinde in Tirana strebt an, eine Synagoge zu bauen.
Der Staat war bereit, einen Teil der Enteignungen aus der kommunistischen Zeit  rückgängig zu machen. So sind zahlreiche neue Moscheen und Kirchen im Land errichtet worden. Diese neuen sakralen Bauten sind in den Innenstädten unübersehbar. So wurde in Shkodra die eindrucksvolle Ebu-Bekr-Moschee 1995 fertiggestellt, die mit saudi-arabische Hilfe errichtet wurde. Der Vatikan und der Weltrat der Kirchen unterstützen die christlichen Gemeinden vielfältig. Papst Franziskus wird in Kürze das Land besuchen und ein sichtbares Zeichen der Gemeinschaft mit den albanischen Katholiken, die etwa 10% der Bevölkerung ausmachen, setzen.
Ein weiter Weg nach Europa
Der Weg nach Europa bleibt für den kleinen Balkan Staat noch lang. Viele Hürden sind zu nehmen, um die wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit zu überwinden.
Die Bundesrepublik Deutschland und andere europäische Staaten können an diesem Prozess mitwirken und helfen. Dass die parteinahen Stiftungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Hanns-Seidel-Stiftung in Tirana Büros unterhalten, um die Demokratisierung des Landes und die Stärkung der Zivilgesellschaft mit voranzutreiben, ist ein positives Signal. Es ist gut, dass die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Studienreisen in dieses Land unternimmt, um zu unterstreichen, dass politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger Interesse an dem Balkanstaat haben und wünschen, dass Albanien eine gute demokratische Entwicklung nimmt.
Eine Isolierung Albaniens wäre nicht nur für das Land fatal, sondern ebenso für die europäische Gemeinschaft. Eine schrittweise Integration Albaniens würde mehr Wohlstand, mehr Rechtssicherheit und wirtschaftlichen Fortschritt auf dem Balkan begünstigen. Eine positive Entwicklung käme der gesamten Region und damit letztendlich der EU und seinen Mitgliedsstaaten zugute.
So wird sich Albanien Stück für Stück verändern müssen und vielleicht wird man in nur 20 Jahren eine andere Legende erzählen: Gott besucht wieder einmal die Erde und kommt nach verschiedenen Stationen schließlich nach Albanien. Er freut sich über den Einklang zwischen Wirtschaft und Ökologie und trifft Menschen, die stolz und glücklich über die Entwicklung ihres Landes sind.   
Der Autor Karsten Matthis, Geschäftsführer der Stiftung CSP, nahm vom 16.-25. Juni 2014 an einer Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Albanien teil. Viele Vorträge und Gespräche flossen in den Artikel ein.      
Literatur:
Auswärtiges Amt, Länderinfo Albanien, www.auswaertiges-amt.de
Ismael Kadare: Die europäische Identität der Albaner, Tirana 2006
Martina Kapar und Günther Holzmann: Albanien – Europas letztes Geheimnis, Assling 2. Aufl. 2014
Björn Opfer: Albanien am Scheideweg. Schwierige politische Transformation im Land der weißen Berge, Technische Rundschau, Basel 2007, S. 5-23
Michael Weichert: Albanien am Scheideweg. Von der politischen Krise zur Krise des politischen Systems, Perspektive: FES Tirana, März 2011
The world factbook, hrsg. CIA, www.cia.gov

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